Wanderweg: 
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Knoten, Spleißen, Takeln

Mit einigen Kindern und Jugendlichen unternahm der Wanderführer der DWJ im SGV Bergisches Land, im Herbst diesen Jahres, eine Wasserwanderung auf den „Randmeeren“ der friesischen Seenplatte in den Niederlanden.

Gechartert wurde dafür ein Schiff, das für zehn Personen ausreichend Platz bietet und einigermaßen erschwinglich vom Preis war. Eine Lemsteraak, ein traditionell getakeltes Plattbodenschiff holländischer Bauweise kam in die engere Wahl. Auf die Unwägbarkeiten des Wetters und der Zusammensetzung der Mannschaft Rücksicht nehmend wurde keine detaillierte Streckenplanung vorgenommen, sondern nur ein grobes Ziel formuliert, die Hafenstadt Urk am Ostufer der Zuidersee (Isselmeer) gelegen. Die weitere Richtung gab der Wind vor.

Im Folgenden hat Thomas Kempf niedergeschrieben, welche Wogen und Wellen die Gruppe zu segeln hatte…
Freitag:
Abfahrt in den Stau auf der A3 und folgende Autobahnen mit 2 privaten PKW, die am Vorabend fertig gepackt wurden, Proviant für viereinhalb Tage, See- und Schlafsäcke, Kuscheltiere usw.
Ankunft knapp nach 18:00 Uhr beim Vercharterer in Heeg, Übernahme des Schiffes der „Eline Vere“, Einklarieren des Proviants und des persönlichen Gepäcks, Verteilung der Schlafplätze, Ruhiges Beisammensein und aufgeregtes Besprechen des Folgetages


Samstag:
Zuerst ist alles gut, dann gießt es wie aus Kübeln, kein gutes Omen für unseren kommenden Törn. Der Seewetterbericht spricht von frischem bis starkem Wind aus SW für die kommenden Tage mit Tendenz zum Sturm, 8 Windstärken Beaufort, in Böen 9. Wir lassen uns nicht nervös machen und Frühstücken in Ruhe und ausgiebig. Dann werden Regenzeug und Schwimmwesten angelegt, der Motor gestartet und die Vor- und Heckleinen gelöst. Wir sind unterwegs! Aus den Kanälen hinaus auf das Heeger Meer führt uns der Weg genau in die Richtung aus der uns ein schwacher Wind entgegenweht, nach Südwest. Das heißt wir können dem Tonnenweg des bezeichneten Fahrwassers nicht folgen und müssen uns den Weg mit kreuzen erkämpfen. Viel Arbeit, viele Wenden, viel Schweiß. Das Großsegel wird gesetzt, dann folgt die Fock. Der Motor geht aus. Es herrscht Ruhe im Schiff, nur das Glucksen des Wassers am Rumpf und das Geräusch des vorbeistreichenden Windes an den Segeln sind zu hören. Auf das Setzen des Klüvers, eines dritten Segels verzichten wir heute, da es zusätzliche Arbeit bedeuten würde, ein weiteres Segel wäre zu führen und zu kontrollieren. Wenn nur der Regen aufhören würde. Manchmal ist der Wind so flau, dass wir meinen auf der Stelle zu stehen. Ganz langsam bewegen wir uns vorwärts in Richtung Zuidersee. Heißer Kakao und Kaffee werden ausgegeben und Müsliriegel als Kräftespender.
Gegen 15:00 Uhr am Nachmittag haben wir etwa die Hälfte der Strecke durch das Heeger Meer geschafft. Zu wenig für unseren Geschmack. Wir haben die Nase voll vom Regen und vom Wenden und müssen einen Liegeplatz finden für die kommende Nacht. Wir setzen einen Kurs nach Norden ab in eine stille Bucht, einen kleinen Kanal und holen die Segel ein. Der Motor wird gestartet. Langsam, vorsichtig bewegen wir uns einen engen Kanal entlang. Eine Brücke, unter der wir nicht her passen und die sich nicht öffnen lässt stoppt unsere Fahrt vorzeitig. Das haben wir übersehen. Die Seekarte zeigt eindeutig, dass eine feste Brücke unseren Weg behindert. Wir haben nicht aufgepasst!
Aber wir entscheiden uns zu bleiben. Hier liegen wir sicher und geschützt vor dem angesagten Sturm. Wir haben einen lauschigen Platz im Schilf gefunden an einem kleinen Steg. Das Schiff, unsere „Eline Vere“ ist fest, die Heizung angeschmissen, die nasse gegen trockene Wäsche gewechselt und der Regen hat aufgehört!! Warum nicht früher?
Eine warme Mahlzeit, reichlich Ravioli mit geriebenem Parmesankäse, bessert die Stimmung weiter auf.
Spülen, Aufräumen, Schuhe an. Wir machen uns auf zu einem Abendspaziergang ins nahe Städtchen namens Koudum. Der Himmel sieht bedrohlich aus. Gelbliche bis Orangetöne überlagert von finsterem Dunkelgrau. Die Sonne ist umgeben von einem seltsamen Nebel. Das lässt auf nichts Gutes schließen. Dort, im Dörfchen steppt wider Erwarten der Bär. Irgendwas muss es dort zu feiern geben. Ein Bühne, eine Band und für die Größe des Ortes sind viele Leute unterwegs. Es gibt Limo und Eis für die Jüngsten und ein Getränke für die Ältesten. Eine Katze hat uns auf dem Kieker, jedenfalls folgt sie uns auf Schritt und Tritt. Die Kinder haben ihren Spaß daran. Als wir zum Schiff zurückkommen sind wir immer noch in Begleitung der kleinen, grauen Katze. Sie scheint zu erwarten mit an Bord genommen zu werden, aber wir haben Allergiker unter uns, die auf den Wunsch der Kinder allergisch reagieren. Die Katze bleibt an Land!


Sonntag:
Am nächsten Morgen: Die Katze hat es von allein an Bord geschafft. Ihr herzzerreißendes Miauen weckt uns früher als geplant. Heftige Windböen fahren durch unsere Takelage. Es hat aufgefrischt. Der Seewetterbericht hatte also doch Recht. Und jetzt diese Katze. Wir entscheiden, dass zwei unserer Mannschaft sie zurück ins Dorf begleiten. Dann wollen wir ablegen. Die Zwei kommen nach vollbrachter Tat zurück. Der Motor läuft bereits. Es folgt das Kommando: Vorleinen los, Achterleinen los. Wir sind wieder unterwegs. Die folgende Kanalfahrt nutzen wir dazu uns wetterfest zu machen. Ölzeug ist angesagt und Schwimmwesten sind anzulegen. Kaum sind wir aus der Abdeckung von Land und Bäumen heraus erfasst uns ein wütender, boeiger Wind, leider aus der falschen Richtung, Südwest, genau daher wo wir hin wollen. Alles geht viel schneller als gestern. Das Setzen der Segel, das Schiff selbst scheint galoppieren zu wollen. Der Ruderdruck ist so stark, dass ich es kaum halten kann, geschweige unsere Jugend an Bord. Das muss sich ändern. Wir legen das Schiff in den Wind und knoten ein Reff ins Großsegel. Jetzt ist der Ruderdruck besser, aber immer noch schießt unsere „Eline Vere“ dahin, als wäre sie von sieben Teufeln gejagt. Kein Wunder, dass wir die richtige Einfahrt in unser heutiges Fahrwasser verpassen und lange auf dem falschen Kurs verweilen. Alle sind beeindruckt, mit welch rauschender Fahrt wir unterwegs sind. Eine Satellitenplottung zeigt uns aber bald, dass eine Menge Zeit vertan ist. Wir müssen einen neuen Kurs absetzen, der uns weiter nach Südwest bringt. Das heiß wieder einmal Kreuzen. Das Schiff ist schnell auf den neuen Kurs gebracht.
Wir fliegen vorüber an Inselchen und Tonnenwegen, vorbei an bezeichneten Untiefen. Wir fühlen uns wie der fliegende Holländer! Aber unser Ziel, das Isselmeer und Urk sind noch fern und wie es nach der vielen verlorenen Zeit aussieht werden wir es kaum noch sicher erreichen können. Also: Planänderung! Eine komfortable Marina in der Biegung eines der zu durchfahrenden Kanäle lockt uns an. Der Motor geht an, Segel werden geborgen, das Schiff fertig gemacht für ein Anlegemanöver an einen idealen, im Wind liegenden Steg. In kurzer Zeit liegt das Schiff fest und sicher vertäut. Schwimmwesten ablegen, fertig machen zum Landgang. Wir müssen zum Hafenmeister, uns einklarieren, währenddessen sich die Jugend auf dem nahegelegenen Spielplatz vergnügt. Wir haben es gut getroffen, bekommen Strom und Trinkwasser zum Auffüllen unserer Batterie, bzw. unseres Frischwassertanks. Auch die sanitären Einrichtungen sind Top. Alles freut sich auf eine ausgiebige heiße Dusche. Nach dem Abendbrot machen wir uns noch einmal landfein und schlendern hinüber zum Restaurant der Marina. Die Jugend trinkt Limo und verdrückt so als Dessert noch eben 2 Pizzen. Müde von der Arbeit an Deck und der vielen frischen Luft geht’s irgendwann zurück an Bord. Kojen werden gebaut, dann herrscht Ruhe im Schiff. Der Weg in die Träume ist kurz.


Montag:
Nachts werde ich wach der Wind hat noch zugenommen. Er versetzt unser stehendes und laufendes Gut in Schwingung. Die Fallen klatschen mit Wucht gegen den Mast. Das Geräusch ist auf Dauer unerträglich. Leise, obwohl das gar nicht nötig wäre bei dem Krach, schlüpfe ich in die Schuhe und begebe mich an Deck. Schnell ist ein Tampen gefunden mit dem ich die Fallen gegen die Wanten binden kann. Das Trommelfeuer auf den Mast hat ein Ende. Jetzt heult nur noch der Wind in der Takelage. Morgens lassen wir uns Zeit. Ein solides Frühstück steht an. Ein Blick gen Himmel bestätigt, was zu befürchten war, der Sturm bleibt uns erhalten. Dann bereiten wir alles vor für ein Ablegemanöver von der Marina De Kuilart unter Segel, allerdings bleibt das Großsegel gut verpackt. Wir segeln nur mit dem Vorsegel, unserer Fock. Das gelingt uns prächtig. Wir sind entschlossen das Isselmeer und Urk zu vergessen. Stattdessen geht es los nach Nordost. Der Wind zieht kräftig, deshalb machen wir auch nur mit einem Segel eine schnelle Reise. Wir wollen für unsere letzte Nacht an Bord noch einmal eine lauschige Stelle finden und machen uns auf die Suche. Wir fahren geeignet erscheinende Buchten ab, gehen in kleine Häfen, aber Tolles findet sich nicht. Wir bleiben am Ufer eines kleinen Kanals, nahe einem Bauerngehöft. Die Bauersfrau ist freundlich und erlaubt uns Toiletten- und Duschbenutzung in einer der Scheunen. Abends unternehmen wir erneut einen Spaziergang ins nahe Dorf. Wir finden ein reizendes, kleines Städtchen mit Hafenanlage. Hier hätten wir festmachen können. Wir waren auch schon einmal fast da, ganz nah. Der vorgelagerte Schilfgürtel hat uns davon abgehalten weiter dem Kanal zu folgen auf unserer Suche am Nachmittag. Nun, Pech. Das Schiff bleibt, wo es liegt und wir schlendern zurück. Mit uns wieder eine junge Katze. Kann das wahr sein? Auch sie folgt uns auf Schritt und Tritt. Bis zum Boot und an Deck. Was ist los mit den holländischen Katzen? Aber auch sie muss hier bleiben! Eine Partie Uno beschließt den Abend, dann krabbeln wir in unsere Kojen.

Dienstag:
Der letzte Tag. Frische Brötchen und Croissants lassen wir uns heute zum Frühstück schmecken. Dann gehen die Leinen los und mit einer kurzen, stürmischen Reise erreichen wir mittags unseren Ausgangshafen. Jetzt geht es ans Packen. Die Wagen werden beladen, das Schiff wird gesäubert und an den Vercharterer übergeben. Auf die Frage seiner Büroangestellten, wie es gefallen hat und ob wir wiederkommen wollen, gibt es ein großes Hallo. Allen hat es gut gefallen, allen hat es Riesenspaß gemacht, keiner will bei einer möglichen Wiederholung kneifen. Besser könnte es nicht gelaufen sein!

Was haben wir gelernt?
Die Teilnehmer haben Knoten gelernt, einen Webleinensteg, einen Kreuzknoten und den Palsteg.
Außerdem wissen sie was Bug, Heck, Backbord und Steuerbord bedeuten, sie haben die Vorfahrtsregeln zwischen Segel- und Motorfahrzeugen kennengelernt und wissen sich beim Wenden vor schlagenden Segeln und Schoten in Sicherheit zu bringen.
Wir alle haben gelernt, dass Wasserwandern auch bei schwierigen Witterungsverhältnissen riesig Spaß machen kann und freuen uns auf eine Wiederholung.

 

Thomas Kempf, Wanderführer DWJ im SGV Bergisches Land